Januar / Kurzgeschichte

Wenn ich einen Monat hasste, war es der Januar. Ein richtiger Scheißmonat.

Draußen Kälte und Tristesse, meist nicht weiß wie in Bilderbüchern, sondern schmutziggrau. Drinnen Trostlosigkeit nach dem Stress von Weihnachten und Silvester. Gerade hatte noch alles festlich geglitzert, die Straßen waren geschmückt, auf den Weihnachtsmärkten konnte man sich den Bauch vollschlagen und Alkohol trinken, ohne aufzufallen. Erst kam die Vorfreude auf die Weihnachtsgans und die Geschenke, dann Träumen nachhängen beim Planen des nächsten Urlaubs, nicht zuletzt wurde es einem warm um die Seele, wenn man für das neue Jahr gute Vorsätze fasste, auch wenn sie natürlich niemand einhielt.
Und jetzt? Frost, der Frühling noch weit, vom Sommer ganz zu schweigen.
Statt Urlaubsprospekten sammelten sich offene Rechnungen im Briefkasten.

Es nützte nichts, ich musste meinen dahinsiechenden Astralleib retten, indem ich ihn der Natur aussetzte. Dazu war es notwendig, den inneren Schweinehund vom Sofa zu locken. Ich konnte ihn täuschen, indem ich so tat, also wollte ich in die Kneipe. In Wahrheit würde ich an die frische Luft gehen.
Weit kam ich aber nicht, denn der Schweinehund war schlauer als ich.

„Moni’s Eck“ war ein Lokal, in dem die Wirtin selbst den Zapfhahn betätigte. Darüber, welche Farbe seine Fassade hatte, prallten die Meinungen und gelegentlich sogar die Fäuste der Gäste aufeinander, die Scheiben der alten Sprossenfenster litten genauso unter einem fortgeschrittenen Grauen Star wie der Spiegel hinter dem Tresen, alles, innen und außen, ließ sich auf einen einfachen gemeinsamen Nenner bringen – dreckig und schief.

Schon hatte ich beinahe der Versuchung widerstanden und wollte weitergehen, da klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah in das grinsende Gesicht von Mario, einem Kumpel, den ich vom Zivildienst kannte. Mit ihm hatte ich öfter, weil die Preise moderat waren, dieses Lokal besucht.

Als wir eintraten, fixierten uns Monis Stammgäste, als hätten wir sie aus einem hundertjährigen Schlaf gerissen. Dabei schien die Freude über neue Gesichter größer zu sein als die Skepsis. Allesamt waren sie sicher nicht der Mittelschicht zuzuordnen.
Der Stehtisch im Dart-Eck war seit unserem letzten Besuch, der schon Jahre zurücklag, nicht von der Stelle gerückt worden, und wie es aussah, wurde er auch nur selten abgewischt. Wir fühlten uns mit den Verhältnissen vertraut, und da kam auch schon Moni.
Bestimmt schon Ende 60, hatte sie eine nikotingegerbte Haut, die wie Leder aussah, und ihre Stimme war von unzähligen Whiskeys aufgeraut:
„Na, Jungs, was soll ich euch bringen?“
Wir wollten zwei Bier. Moni schwirrte, so schnell es ihre lädierte Hüfte und die Filzpantoffeln, die sie immer anhatte, zuließen, hinter ihren Tresen.

Der alten Legende, dass ein gutes Bier sieben Minuten lang gezapft werden müsse, schenkte sie offenbar keinen Glauben. Bei ihr dauerte es eine Viertelstunde. Aber es kam.
„Na dann, Stößchen!“, prosteten wir einander auf unser Wiedersehen zu.
Kaum hatten wir den ersten Schluck getan, betraten vier junge Männer das Lokal.
„Ah! Unsere Zivis“, krächzte Moni hinter der Theke.
„The next generation“, lachte Mario zu den vieren hinüber und gestikulierte, um sie zu uns an den Tisch einzuladen.
Wir erzählten ihnen, dass auch wir als Zivis öfter hier gewesen waren.
Moni war im Dauerstress.
Nachdem alle ihr Bier hatten, wurde noch einmal zugeprostet.
„Und, welche Karrieren habt ihr so hingelegt nach dem Zivildienst?“, wollte einer der vier wissen.
Mario sagte, dass er noch etwas Richtiges suche.
„Und du?“, wandte sich ein anderer an mich.
„Ich bin im Filmbusiness“, antwortete ich.
„Wow! Und was genau?“
„Ich verkaufe Popcorn im Kino-Foyer.“
„Na, wenn das keine Karriere ist“, meinte er.
Das Gelächter war riesengroß.
Ich nutzte die gute Stimmung:
„Hat jemand Bock auf eine Partie Dart?“
„Na klar!“, kam unisono die Antwort.
Wir bildeten zwei Mannschaften und legten die Spielregeln fest. Übertritte würden mit einer Runde Korn geahndet werden, die Mannschaft mit mehr Punkten würde am Ende von den Verlierern Doppelte spendiert bekommen.

Da wir in jeder Mannschaft nur zu dritt waren, ging es relativ flott mit dem Alkoholnachschub. Nicht nur die Übertritte häuften sich, sondern auch die lockeren Sprüche.
„Da trifft ja meine Oma besser“, spottete einer der vier Zivis, als mein Pfeil etwas außerhalb landete.
„Die hatte ja auch mehr Übung – vom Speerwurf bei der Mammutjagd“, verteidigte mich Mario.
Großes Gelächter.
„Komme gleich, was oben reingeht, muss unten wieder raus“, rief ich in die Runde.
Das Reinheitsgebot galt bei Moni vielleicht für das Bier, aber sicherlich nicht für die Toilette.
Schon bei meinen damaligen Besuchen hatte mich jedes Mal die Angst gepackt, wenn ich eines der Pissoirs benutzen musste, irgendwelche Parasiten könnten einen Weg finden, um in meinen Körper zu gelangen. Schließlich konnten ja auch Lachse stromaufwärts schwimmen.

Da nicht nur die Schnäpse mehr wurden, sondern zwischendurch auch weiter Bier floss – man musste ja den Durst löschen –, häuften sich die Klo-Expeditionen. Erstaunlicherweise erschienen mir die Verhältnisse dort in einem immer günstigeren Licht, und ich begann die Gelbschattierungen des Urinsteins und das satte Platschen meiner Füße amüsant zu finden.

Nach ungefähr vier Stunden ließen der Gleichgewichtssinn und die Sehkraft erheblich nach. Der Drang der Blase, den auch Monis Pissoir nicht mehr besänftigte, und ein flaues Gefühl im Magen sagten mir, dass es höchste Zeit war, nachhause zu wanken.

Etliche Versuche waren notwendig, um in meine Wohnung zu gelangen. Das verdammte Schlüsselloch war nie dort, wo der Schlüssel hineinwollte.
Ich schaffte es gerade noch auf die Toilette, um mich ehrfürchtig niederzuknien und dem Inhalt meines Magens freien Lauf zu lassen.

Am nächsten Morgen brauchte ich erst einmal vier Aspirintabletten, um mich ungefähr zu erinnern, wo ich mir diesen Schädel geholt hatte. Er fühlte sich wie ein Betonbunker an. Die Tabletten verhinderten nicht, dass ich vom Stuhl fiel, als es an der Tür klingelte. Es klang wie ein Feueralarm dicht neben meinem Ohr.
Draußen stand die Nachbarin. Ich hatte meinen Schlüssel außen stecken lassen.
Dann rief die Polizei an. Jemand hatte meine Brieftasche gefunden und abgegeben. Nein, Geld sei keines mehr drin gewesen.

Ich wusste es. Der Januar war ein richtiger Scheißmonat.


© Karl Miziolek  2020