Der Kotzbrocken / Kuzgeschichte

Ich nehme mir immer wieder gerne Zeit, Weitra zu besuchen, eine entzückende kleine Stadt im nördlichen Waldviertel –
sie ist kulturell sehr aufgeschlossen. Im Schloss Weitra, das über der Stadt thront, finden viele Ausstellungen statt,
 und in einem eigens aufgebauten Theater werden jedes Jahr Sommerfestspiele abgehalten.
 Im Winter lohnt es sich, den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Im Advent wirken die engen Gassen und der Rathausplatz mit den geschmückten Ständen,
 den glitzernden Sternen und Girlanden, den farbenfroh ausgelegten Weihnachtswaren und den dampfenden Punschkesseln verträumt und romantisch,
 besonders abends, und die ganze Stadt duftet nach Lebkuchen, Zimt und Rum.
 Kein Wunder, dass dies im Winter Heerscharen von Besuchern anlockt, die sicherlich grundsätzlich liebenswert sind.

Aber es gibt auch Ausnahmen, und jetzt war Sommer und die Sonne brannte vom Himmel.
Ich war schon eine Stunde in der Stadt herumspaziert und hielt eine Erfrischung für dringend nötig.
Derselbe Gedanke dürfte auch anderen gekommen sein, denn die Lokale, die auf den breiten Gehsteigen am Hauptplatz einen Schanigarten hatten, waren alle voll besetzt.
Ich hatte aber keine Lust auf ein Bier, mein Interesse galt dem einzigen Kaffee-Restaurant auf dem Platz. Dort war besonders großer Andrang.
 Ich zwängte mich zwischen den vielen Gästen zu einem kleinen Tisch durch, der im Schatten ganz hinten an der Wand stand,
 von dem aus ich den ganzen Schanigarten überblicken konnte. Ich saß gerne irgendwo abseits und  beobachtete die Leute.
 Die meisten Tische waren besetzt mit Paaren oder Gruppen aus dem nahe der Stadt gelegenen Kurzentrum, man sah ihnen an,
 wie sie sich einerseits verlegen, andererseits selig die in der Kur schweißtreibend verlorenen Kalorien bei Kuchen und Kaffee wieder zurückholten.

Kaum hatte ich meine Bestellung serviert bekommen, eine Melange, eine Schwarzwälder Kirschtorte und ein Mineralwasser, da hörte ich ihn.
Er redete so laut, dass sich schon einige Gäste irritiert und zurechtweisend zu ihm umdrehten. Er saß mit drei Frauen zwei Tische vor mir. Vermutlich waren sie auch Kurgäste.  
Die Reaktionen kümmerten ihn nicht, eher schien er diese Aufmerksamkeit für Bewunderung zu halten.
 Er war braungebrannt und sein muskulöser Oberkörper steckte in einem viel zu engen T-Shirt mit der Aufschrift „Chef“. Um seinen
Hals baumelte eine dicke Kette, die man eher an einem Rindvieh vermutet hätte.
Das ist jetzt aber ein echter Macho, ein Exemplar wie aus dem Bilderbuch, dachte ich, mehr geht nicht mehr.
Ich irrte.

„Fräulein!“, rief er plötzlich mit einer Lautstärke, die das Wasser in meinem Glas vibrieren ließ.
Die Kellnerin drehte sich so erschrocken um, dass ihr das kleine Tablett mit dem abgeräumten Geschirr vom Nebentisch aus der Hand fiel.
„Na, san ma a bisserl schreckhaft?“, lachte er und röhrte dabei aus vollem Hals wie ein Brüllaffe.
Seine Tischnachbarinnen schauten schon ein wenig pikiert.
Einige der anderen Gäste schüttelten nur den Kopf, andere taten, als wäre er nicht da.
 Das ließ ihn erst recht zur Hochform auflaufen. „So ein Kotzbrocken“, hörte ich als leisen Kommentar von einem der benachbarten Tische.

„Bitte, mein Herr?“, fragte die junge Serviererin höflich, aber mit hochrotem Gesicht, nachdem sie die Scherben vom Boden aufgesammelt hatte.
„Na endlich! Zahlen!“, sagte der Kotzbrocken zur Angestellten.
„Alles zusammen?“, fragte sie, wie es sich gehört.
„Na kloar! Wegen der paar Euro“, wieherte er und zeigte gönnerhaft auf den Tisch.
Doch die drei Damen protestierten.
„Kommt nicht in Frage, wir bezahlen selbst“, sagten sie unisono.
„Nix do, eingloden is eingloden“, insistierte er. Jetzt wurde mir klar: Er hatte die Damen im Kurheim eingeladen, mit ihm nach Weitra zu fahren.
Sie gaben nach, wahrscheinlich, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen.
Die Kellnerin sah auf den Bon, der bei der Bestellung lag, und las vor:
„36 Euro 50, bitte.“
Ich sah, wie er ein Bündel Banknoten aus der Hosentasche nahm, daraus einen 50-Euro-Schein zog und ihn mit wegwerfender Geste der Kellnerin vor die Nase hielt.
„Stimmt scho“, sagte er, mit sich zufrieden.
Sie tat so, als hätte sie es nicht gehört, und gab ihm das Retourgeld genau abgezählt zurück.
„Na, dann net…“, knurrte er, zuckte mit den Schultern und steckte das Geld ein.
 Dann stand er auf und ging, ohne sich weiter um seine Begleitung zu kümmern, Richtung Ausgang.
Auch die Frauen standen nun auf und eilten ihm nach, wobei sie ihm ärgerliche Blicke hinterherwarfen.
Die Augen der umsitzenden Gäste folgten dem Quartett gespannt. Auf ihren Gesichtern mischten sich Missbilligung und Belustigung.

Gleich beim Eingang des Schanigartens parkte ein goldfarbenes Mercedes Cabrio mit der Schnauze zum Lokal.
 Der Kotzbrocken riss die Fahrertür auf, schwang sich hinein, zog die Tür zu und trommelte ungeduldig mit den Fingern am Blech,
 während die Frauen sich auf der anderen Seite ins Auto drängten.

Die Gäste bestaunten das Auto. Vermutlich ist er so lange im Kreis gefahren, bis dieser Parkplatz frei war, um ja aufzufallen, dachte ich.
Die Beifahrertür war noch nicht zu, als der Kotzbrocken den Motor startete und mehrmals laut aufheulen ließ, als wäre er auf einer Formel-1-Rennstrecke.
 Dann setzte er sich eine protzige Sonnenbrille auf, warf noch einen triumphierenden Blick auf die Gäste im Schanigarten
und wollte offenbar mit Schwung rückwärts ausparken. Stattdessen gab es einen fürchterlichen Krach, als das Auto an den Laternenpfahl vor sich prallte, weil er nach vorn gefahren war.
Die Gäste an dem Tisch auf dem Gehsteig hinter der Laterne sprangen erschrocken auf, blieben aber unversehrt, weil der Pfahl die Wucht des Anpralls aufgefangen hatte.
 Die teure Sonnenbrille hing schief im verdatterten Gesicht des Kotzbrockens. Von der lädierten Motorhaube stieg zarter grauer Rauch auf.

Jetzt hatte er wirklich die Aufmerksamkeit sämtlicher Gäste und Passanten.
Wie auf Kommando klatschen wir alle Beifall. Auch die Kellnerin.
Schadenfreude?   Nein …

 © Karl Miziolek 2019