Auf ein Neues / Kurzgeschichte


Langsam, aber unaufhaltsam machte sich mein sexueller Notstand bemerkbar. Ich war reizbar und unwirsch, selbst zu meinen besten Freunden.
Zwei Versuche, zwei Abfuhren in den letzten drei Wochen hatten deutliche Spuren hinterlassen.

Ich war überzeugt, dass auch das beste Produkt ohne Werbung ein Ladenhüter bleiben musste und dass dies besonders für Menschen galt. Es würde sicher klappen, wenn ich meine Masche mit dem Humor weiter ausbaute, mehr in die freche Richtung. Natürlich spielte die Umgebung eine Rolle, sie musste zum Angebot passen. Fitnessstudio und Shopping Mall waren eine Pleite gewesen.
Nächster Versuch: der Frisör.

Natürlich durfte es nicht so ein Vorstadt-Billigladen sein. Also doch eher ein Friseur, der sich der französischen Noblesse seiner Berufsbezeichnung bewusst war, besser noch ein Coiffeursalon, oder am allerbesten: ein Hairstyle-Studio. Wenn schon, denn schon.

Meine verpaarten Freunde meinten zwar immer, ich dürfe die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Sie selbst waren mehr oder weniger über ihre Partner gestolpert und glaubten daraus für mich den Spruch „Wer nicht sucht, der findet“ als Motto ableiten zu dürfen. Aber worüber ich bisher gestolpert war, das waren nur Steine. Ganz im Gegenteil, ich erschien mir als Single buchstäblich dazu verdammt, genau und gezielt zu suchen.

„Also, auf zum Friseur!“, machte ich mir Mut.
Ich parkte mein Auto genau vor dem angeblich zurzeit angesagtesten Haarkünstler der Stadt.
Auf der Straße empfing mich schon geschmeidige, schwerelose Lounge-Musik. Sie sollte vermutlich den Passanten deutlich machen: Hier bekommst du mehr als nur eine neue Frisur, hier bekommst du ein neues Lebensgefühl.
Das war genau, was ich brauchte.

Am Empfang erwartete mich ein schwarzer Lockenkopf.
Das fängt ja vielversprechend an, dachte ich, während mein Blick in Sekundenschnelle an ihrem wohlgeformten Körper hinunterglitt. 

„Hi, na, was können wir für dich tun?“
 Klar, in solchen Schickimicki-Salons  wurde nicht gesiezt.
„Meine Haare schneiden“, sage ich und grinste frech, getreu meinem neuen Motto.
„Na, das werden wir sicher hinbekommen“, lachte sie.
Endlich eine, die lachte und nicht gleich den Mund verzog, wenn ich so erfrischend geistreiche Antworten gab.
Sie fragte mich, ob ich zu jemand Bestimmtem wollte.
„Am liebsten zu jemandem, der das Handwerk gelernt hat“, sagte ich und zwinkerte ihr zu.
„Sollte hier zu finden sein. Setz dich in die Lounge, meine Kollegin kommt dann gleich zu dir. Möchtest du etwas trinken?“
„Ja, einen Kaffee, Milch und Zucker, bitte.“

Sie ging zum Kaffee-Vollautomaten, der hinter ihr in einer Ecke stand, und ich ließ mich in die weichen Polster des schwarzen Ledersofas fallen, das den größten Teil der Lounge beanspruchte.
Diese Dinger sahen aus, als würden sie extra für Arztpraxen mit Privatpatienten-Klientel und für Haarstudios der oberen Preisklasse gebaut, riesig, hässlich wie die Nacht, aber einschläfernd bequem.
„Bitte sehr, dein Kaffee“, sagte der Lockenkopf und reichte mir die Porzellantasse. Hier gab es natürlich keine Pappbecher.
Da sah ich den Ring an ihrem Finger. Ein Ehering?

„Jenny bedient gerade einen Kunden –  ist dann aber gleich bei dir“, flötete sie.
Warum musste ich bei dieser Wortwahl an ein Puff denken?
„Susi bedient gerade einen Kunden, ist dann aber gleich für dich frei.“

Ich wartete nicht lange.
„Hi, ich bin Jenny, wollen wir?“
„Zu dir oder zu mir?“, sagte ich frech. Den Lockenkopf, wahrscheinlich liiert oder verheiratet, hatte ich schon abgehakt.

„Ein Scherzbold, ich seh‘ schon, mit dir wird es lustig“, grinste sie.
Jenny trug ein gelbes T-Shirt, selbstverständlich und deutlich erkennbar keinen BH, was meiner Fantasie gleich wieder Flügel verlieh, sowie eine enge schwarze Hose. Alles war knapp bemessen, nur das Make-up nicht. Ihr Gesicht sah aus, als wäre sie Stammkundin mehrerer Drogeriemärkte und nutzte regelmäßig deren Sonderangebote „Kauf eins, nimm drei“.

Ich nahm auf dem Stuhl Platz und ließ die übliche Prozedur mit Umhang usw. über mich ergehen, dann produzierte sie ihr fröhlichstes Lächeln und fragte mein Spiegelbild:
„Wie soll’s denn werden?“
Ich ließ mich nicht lange bitten.
„Na, kürzer.“
Sie stieß einen kurzen Lacher aus.
„Was, keine Extension?“, kicherte sie. Dann wurde sie ernst.
„Lass bloß die blöden Witze, während ich schneide“, ermahnte sie mich, „Sonst garantiere ich für nichts. Ich bin impulsiv.“

Sie schnitt zuerst die Seiten, dann ging es zum Waschen.
Ich war völlig entspannt, Kopf- und Fußmassagen waren für mich einfach das Größte.
„Ist das Wasser so okay?“
„Ich kenne den PH-Wert nicht, aber etwas zu heiß ist es schon.“
„Oh, sorry.“
Sie verringerte die Temperatur.
„Besser so?“
„Perfekt!“, flüsterte ich mit geschlossenen Augen.

Immer wenn ich total entspannt war, verschwand auch meine Angst zu versagen, was nicht immer so günstig für mich war, wie es klang.
„Sag einmal, wann machst du hier Schluss?“, fragte ich ein bisschen von oben herab. Sie sollte das Gefühl haben, dass ich ihr einen Gefallen tat.
„Mein Freund holt mich um  sechs ab. Warum?“
„Ach, nur so.“

Korb Nummer drei. Kurz, aber nicht schmerzlos. Jenny musste aus Versehen den Wasserhahn verstellt haben, ein Schwall heißes Wasser verbrannte mir fast den Schädel. Der Verdacht lag nahe, dass es Absicht war.

Unterbrochen wurde die folgende Stille, nachdem ich meinen Körper und den dampfenden Schädel zurück auf den Frisierstuhl verfrachtet hatte, nur durch ein paar professionelle Bemerkungen.
Jenny nahm ein Bündel Haare zwischen ihre Finger und zeigte mir mit der Schere, wo sie zu schneiden beabsichtigte:
„So viel?“
Ich machte kurz die Augen auf.
„Wird schon passen“, murmelte ich. Mein Humor und meine Frechheit, die ich mir umgeschnallt hatte, waren irgendwie weggebrannt.
Wenige Minuten später war ich wieder frei.
„Nein, bloß das nicht!“, rief ich auf die obligatorische Frage, ob ich Gel in die Haare wollte.

Der Spuk war vorbei.
Um 30 Euro ärmer stand ich, mit feinen Härchen im Hemdkragen, wieder auf der Straße und hörte diese fürchterliche Musik.
Versuch Nummer drei konnte ich ebenfalls abhaken.


© Karl Miziolek  2020