Das Pendant  / Kurzgeschichte


„Am 23. März ist Partytime!“, stand in Zierschrift auf der Einladungskarte zur Feier des zehnjährigen Jubiläums des kleinen, aber renommierten Verlages. Geladen waren die Autoren und die Angestellten samt Anhang.

Mir war überhaupt nicht nach Party zumute, außerdem war ich erst kurz für den Verlag als Autor tätig und kannte gerade einmal meinen Lektor und den Verlagsleiter mit Namen.
Dann nahm ich noch einmal das Verlagsprogramm zur Hand. Da gab es eine Autorin, die es mir angetan hatte: souverän, humorvoll, kompetent, von ihr konnte man etwas lernen. Wenn ich mit ihr ins Gespräch käme, wäre das den Aufwand schon wert. Und schließlich: Meistens wurde es doch dann am interessantesten, wenn man eigentlich hatte zuhause bleiben wollen.

Ich verspätete mich etwas oder kam, besser gesagt, gerade rechtzeitig, denn als ich den Saal betrat, sprach der Verlagsleiter gönnerhaft die Schlussworte seiner Rede: „Das Buffet ist eröffnet!“ Eine Schweineherde hätte nicht begeisterter dreinblicken und sicher auch nicht schneller den Büffettisch erreichen können als dieses ausgesuchte Rudel intellektueller Verlagsgäste. Andererseits, auch ich gehörte jetzt zu diesem Rudel.
Mit dem Teller in der einen und einem Glas Prosecco in der anderen Hand blickte ich triumphierend in die Runde, ob ich nicht vielleicht die erwähnte Autorin entdecken und in eine Unterhaltung verwickeln konnte oder sonst jemanden sah, der mir bekannt vorkam.
Da traute ich meinen Augen nicht. Worauf mein Blick fiel, ließ meine Zuversicht, einen ruhigen Abend verbringen zu können, zerrinnen.
Sie stürmte mit bereits leergegessenem Teller an mir vorbei, meine alte Bekannte Brünnhilde, mit wehendem Gewand und ihrem Herbert im Schlepptau, und rannte das Buffet fast um. Schild brauchte sie keinen, mit einem Speer in der Hand hätte sie mich glatt aufgespießt. Sie musste ihre erste Tellerfüllung in fünf Sekunden aufgegessen haben.
So einen Körper bekommt man eben nicht geschenkt, dachte ich und beobachtete die beiden.
Mit vollem Einsatz schaffte sie sich Platz, schaufelte gut 2000 Kalorien auf ihren Teller und vergaß dabei nicht, Herbert nebenbei noch Anweisungen zu geben:
“Nimm noch von den Fleischbällchen!“ Herbert gehorchte wie ein gut dressiertes Hündchen.
„Vergiss das Brot nicht!“
 „Ja, aber wo…?“, wagte er einzuwenden.
„Mensch! Schau doch, stell dich nicht so dumm an“, zischte sie ihn an.
Andere Gäste am Buffet schüttelten schon den Kopf, wohl weniger aus Mitleid mit Herbert, sondern eher, weil sie fürchteten, der üppige Vorrat an Speisen könnte auf diese Art bald aufgebraucht sein.
Ich schwankte, ob ich gehen und erst recht bleiben sollte.
Die Entscheidung wurde mir abgenommen.
„Wie schön, dass Sie gekommen sind, Herr Schmittke“, streckte sich mir eine Hand entgegen. Es war Herr Böhm, der Verlagsleiter.
Ich wandte mich ihm zu und stutzte. Ihn begleitete eine Frau. Sie war Brünnhilde wie aus dem Gesicht geschnitten.
Es gelang mir noch, ein „Guten Abend“ hochzuwürgen, bevor mein Blick wie von selbst hinüber zum Buffet geisterte, nein, das Original war noch dort.
Der Verlagsleiter fuhr fort: „Herr Fischer, Ihr Lektor, hat leider den Verlag verlassen. Ich freue mich aber, Ihnen Ihre neue Lektorin vorstellen zu dürfen, Frau Mag. Prax.“
„Freut mich! Renate“, sagte sie mit einer weichen, angenehmen Stimme und reichte mir lächelnd die Hand.
„Angenehm, Kurt“, stotterte ich zerstreut und blickte wieder zum Buffet hinüber.
„Und das ist mein Mann Harald“, sie deutete auf den Mann neben sich. Wieder ein Déjà-vu. Im ersten Moment dachte ich, dort stünde Herbert, der Mann von Brünnhilde. Die äußere Ähnlichkeit war verblüffend.
„Nun, dann lasse ich euch allein, ihr werdet sicher einiges zu besprechen haben“, meinte Herr Böhm und wandte sich den anderen Gästen zu.
„Darf ich Ihnen – dir etwas zu trinken holen?“, fragte ich Renate, schon etwas gefasster.
„Danke, lass nur, das macht Harald. Was möchtest du?“
„Vielen Dank, ich habe noch meinen Prosecco“, sagte ich, froh, Harald die Peinlichkeit zu ersparen, wie ein Dienstbote um meinen Wein ausrücken zu müssen.
„Und du, Renate, was trinkst du?“, fragte Harald. Anscheinend war er es gewohnt, sich in sein Schicksal zu fügen.
„Du wirst doch noch wissen, was ich trinke“, kanzelte sie ihn ab.
„Ja, aber …“
„Nichts aber, mach schon, ich muss mit Kurt über sein neues Manuskript sprechen.“
Harald rauschte ab und Renate sah ihm noch einen Moment kopfschüttelnd nach.
Auch mein Blick folgte dem armen Teufel. Da sah ich, wie sie mit vollbepackten Tellern direkt auf uns zusteuerten: Brünnhilde und ihr Herbert.
„Renate, ist noch ein Platz frei bei euch?“
„Ich denke ja, oder, Kurt?“ fragte sie mich halb von der Seite, mehr oder weniger höflichkeitshalber, wie mir schien.
Brünnhilde und Herbert stellten ihre Teller auf den Tisch, ohne meine Antwort abzuwarten.
„Das ist meine Schwester Anna-Lena“, stellte sie mir Brünnhilde vor.
„Anna-Lena, das ist Herr Schmittke. Er ist seit kurzem Autor in unserem Verlag.“
Anna-Lena nickte mir zu: „Angenehm, Frischmuth.“
Ich funktionierte noch soweit, dass ich „Schmittke“ sagen konnte. Innerlich drehte sich bei mir alles, wie die kleinen Reittierchen auf einem Karussell, und auf jedem einzelnen saßen Brünnhilde und Renate, gemeinsam.
Renate erklärte weiter: „Anna–Lena ist Psychologin und  Autorin, sie schrieb voriges Jahr sogar einen Bestseller!“
„Ja, ‚Die Harmonie in der Ehe‘“, krähte Herbert und war sich der Ironie der Situation offensichtlich nicht bewusst. „Kennen Sie das Buch?“
Ich konnte nicht mehr.
„Bedaure, nein, leider“, stammelte ich. Die Situation überforderte mich, kein Zweifel. Flucht war der einzige Ausweg.

Ich stand so hastig auf, dass mein Stuhl und das Proseccoglas umfielen. Fast gleichzeitig ergingen die Befehle Anna-Lenas und Renates an ihre Angetrauten, sofort den Sessel aufzustellen und mir einen neuen Drink zu holen. Das gab mir den Rest.

„Bitte entschuldigen Sie, ich bin etwas erschöpft. Liebe Renate, es tut mir leid, ich melde mich morgen telefonisch bei dir!“


  Karl Miziolek  2020